28 Feb 2010 @ 12:51 PM 
 

Das Märchen vom Wohlstand schaffenden ‘freien Markt’

 
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Zürcher Gnomen erbringen Deutsche Leistung, höhere Brottowertschöpfung

Zürcher Gnomen erbringen Deutsche Leistung, höhere Brottowertschöpfung

Köstlich amüsierte sich der Schweizer Narr an einem Artikel in CARTA:  “Sozialstaatsdebatte: Die Deutschen und ihre Leistungen“.

In diesem Artikel tauchte wieder einmal das Märchen vom Wohlstand auf, verlinkt vom Zürcher Journalisten Ronnie Grob, welcher Heute in Berlin lebt:

“Eine dynamische Wirtschaft lebt vom Wettbewerb, von sich immer wieder in neuen Konstellationen konkurrierenden Leistungen. Und das führt zu Wohlstand.”

Dies führte mich zu einem Leserkommentar, den ich hier gerne nochmals publizieren, und vertiefen möchte. Ich schrieb:

“Wer noch immer an diese Raubsaurier-Philosophie glaubt, muss schwer krank sein. Banker haben eine 25 fach höhere Wertschöpfung als das Gewerbe welches Lebensmittel produziert. Alleine dies zeigt, dass alleine Leistung nicht unbedingt zu Wohlstand führen muss, vielmehr bringt es Wohlstand wenn man dort arbeitet wo Menschen Schulden machen müssen.

Der Wohlstand, welcher mittels ‘freiem Wettbewerb’ geschaffen wurde, befindet sich Heutzutage vornehmlich in der Hand von weltweit ca. 58000 Superreicher. Treibender Faktor des bescheidenen Wohlstands der Mittelschicht in den vergangenen Jahrzehnten beruhte auf einer global asymetrischen wirtschaftlichen Machtverteilung, welcher noch auf den Kolonialismus zurückzuführen ist. Mit dem Aufstieg Chinas und Indiens geht diese Epoche (für die westliche Mittelschicht) zu Ende.
Ein weiterer Grund, weshalb im Westen einigermassen breit abgestützter Wohlstand entstanden war, ist der billige Rohstoff Erdöl, welcher nun aber langsam zur Neige geht. Der ‘freie Wettbewerb’ beruht auch was die Ressourcen der Erde anbetrifft nicht auf Nachhaltigkeit, sondern auf Raubbau.”

Das Märchen vom Wohlstand, welcher aus dem freien Wettbewerb einer ‘dynamischen Wirtschaft’ erwächst, ist definitiv falsch. Wohlstand entsteht in dem durch Privativestoren finanzierten ‘freien Markt’ durch Vermögensumverteilung nach Oben und einem rücksichtlosen Raubbau an den globalen Ressourcen und den Menschen der Zukunft.

 Es ist kein Zufall das dort wo die Menschen Kredite aufnehmen müssen (was Heute nur noch in Privatbanken möglich ist), die höchste Bruttowertschöpfung ‘geleistet’ wird.  Obwohl zum Beispiel in der Schweiz im Gastgewerbe gewiss auch hart und innovativ gearbeitet wird (die Schweiz ist dafür bekannt) und die beiden Gewerbe gleich viele Arbeitskräfte stellen, nämlich ca. 5,5 % , bringt der Finanzsektor eine fünf mal höhere Brottowertschöpfung zustande.  Obwohl im Bankengewerbe nur 3% aller Arbeitnehmer in der Schweiz arbeiten, trägt dieser Sektor 11% an der gesamten Brottowertschöpfung der Schweiz bei. Nur der Handel mit seinen 11% kommt auf die gleiche Wertschöpfung, dort aber arbeiten 16,5% aller SchweizerInnen und Schweizer. 5,5 Angestellte im Handelssektor müssen arbeiten, um dieselbe Wertschöpfung wie ein einziger Bankangestellter zu erreichen.

Diese Unterschiede sind nicht nur in der Schweiz anzutreffen, vielmehr sind diese Unterschiede als systemischer Anteil im globalisierten Finanzmarktkapitalismus überall vorhanden. Es war ja in Deutschland das erklärte Ziel der letzten Koalitionsregierung unter Finanzminister Peer Steinbrück, die ‘neusten Finanzmarktprodukte’ im Lande einzuführen, um die Bruttowertschöpfung  Deutschlands zu steigern. Steinbrück verkaufte Deutschland deshalb sozusagen an die Banker. Verkauf deshalb, weil dort wo Schulden verwaltet werden und Kredite vergeben werden, eine hohe Brottowertschöpfung entsteht. Selbstverständlich funktioniert dies vor allem dann hervorragend, wenn die Vermögensklasse der Reichen (ab 1 Million US$ Nettofinanzvermögen) eingeladen wird, an solchen Finanzprodukten zu partizipieren. Die globalisiert operierenden Vermögensverwalter der Reichen lassen sich zudem nur dann anlocken, wenn sie steuerlich nicht zu stark belastet werden, dazu beschäftigen sie ein Heer von Beratern.

In der Schweiz wurden noch im Jahr 2002 30%  aller im Ausland angelegten Vermögen der Reichen verwaltet (Nettofinanzvermögen über 1 Million US$). 

Die Weltweit rund 58000 Privatpersonen wiederum,welche  über 30 Millionen US$ und mehr verfügen, haben 30% Anteil am Vermögen aller Reichen, von denen es insgesamt 158000 Menschen geben soll. 

Der Wohlstand konzentriert sich dort am höchsten wo es gelingt, einen möglichst hohen Brottowertschöpfungsanteil pro Kopf der Bevölkerung zu erreichen. Selbstverständlich ist hierzu ‘Innovation’ und Kreativität gefragt, aber weil diese anderswo Schulden aufbaut, entsteht global gesehen eine stetig zunehmende Vermögensungleichverteilung. Die Banken operieren nicht mit realen Werten, sondern mit Virtuellen, was heisst dass die Wertschöpfung auch auf Kosten zukünftiger Generationen gehen kann, was über die neusten Finanzmarkprodukte (etwa im US-Immobilienmarkt) durchaus angestrebt wurde. Der Aufbau von Schulden erzeugt anderswo Vermögen, selbst wenn die Zukunft als finanzielle Ressource angezapft wird.

Aus diesem Grund besteht Heute ein Grossteil der Vermögen der Superreichen, hauptsächlich aus erst in ferner Zukunft rückzahlbarer Kredite von Milliarden von Schuldnern. Mit Realwirtschaft hat dies nur noch wenig zu tun, die Realwirtschaft wurde etwa in den USA seit Jahren zugunsten des Finanzmarkkaitalismus abgebaut. Es erschien viel lukrativer Bankenkonzerne aufzubauen die globalisiert mit den Schulden von Menschen Handel betreiben. Im Prinzip handelt es sich dabei aber um ein Ponzi-Schema, welches solange gut geht, bis viele Schuldner ihre Kredite nicht mehr zurückzahlen können und die unteren Gesellschaftsschichten verarmen. Da dieses Geschäft aber Globalisiert abläuft, verarmen natürlich zuerst Länder welche an diesem Finanzmarktkapitalismus nicht partizipieren wollen oder können.

Wenn nun dennoch in den letzten Jahrzehnten sich im Westen ein breit abgestützter Wohlstand entstehen konnte und sich eine Mittelschicht bildete, so beruht dies vor allem auf dem Umstand des Vorhandenseins von viel günstigem Erdöl. Dies erlaubte die Produktion von Billigprodukten, von denen die in Wirklichkeit (relativ zu den Reichen) immer ärmere Bevölkerung die kontinuierlich stattfindende Umverteilung lange nicht bemerkte. Wie beim Bankensektor, heizte die ‘freie Marktwirtschaft’ ein nicht nachhaltiges Schneeballsystem an, welches sich aus den globalen Rohstoffressourcen nährte. Man verschwendete innert Jahrzehnten die globalen Erdöl-Ressourcen und steht hier alsbald vor dessen Ausverkauf. Man lebte auch hier auf Kosten zukünftiger Generationen.

Es ist nicht so dass die Realwirtschaft zuwenig Innovativ und dynamisch wäre, aber sie wird von Krediten finanziert wo die Gewinne vor allem in die Taschen der Reichen fliessen. Die Chemie und Pharma-Industrie in der Schweiz ist ganz gewiss dynamisch, kreativ und (realwirtschaftlich) Arbeitsproduktiv, dennoch wirft sie nur  3,3% der Wertschöpfung in der Schweiz ab, der Finanzsektor aber 14%. Die (oft kriminell erfinderische)  ‘Schulden/Kredit-Wirtschaft’ bringt eine weit höhere Wertschöpfung als die Realwirtschaft, so sind die Fakten.  Inovationen im Bankensektor beruhen auf möglichst effizienten Finanzmarktechnologien um Vermögen globalisiert nach Oben Umzuverteilen, wozu die übrigen Sektoren der Wirtschaft und deren Angestellten bitter über immer geringere Vermögensanteile bezahlen müssen.

Die Neuzeit erlaubte über das System der praktisch unregulierten freien Marktwirtschaft, auf Kosten der Zukunft temporären Wohlstand aufzubauen, während derzeit 1 Milliarde Menschen Hunger leiden.  Das globalisierte Wirtschaftssystem reguliert sich nicht selbst nach den Prinzipien der Nachhaltigkeit, diese Vorstellung ist ein Märchen und war schon immer nichts als die erfolgreiche Werbung der Finanzlobby.

Mit dem Ende des Erdölzeitalters, wo sich der Mensch mit billiger Energie (auf Kosten der Zukunft) versorgen konnte kann ein freier Markt, welcher vor allem von privaten Investoren dominiert und reguliert wird, selbst keine Zukunft mehr haben.

Kein Wunder ist es, dass in der Welt noch immer die Illusion vom Wettbewerb der freien Märkte umgeht, dass diese ein nachhaltiges Modell darstelle welche für Alle zu Wohlstand führe. Kein Wunder auch, dass solche Phantasien bei exportierten “Gnomen von Zürich” ihren Verteidigungsdispositive  findet.

Die soziale Kälte welche in westliche Staaten umgeht und angeblich auf hohen Staatsschulden beruht (die Schweiz hat übrigens wenig Staatsdefizit und erkaltet hier genauso), beruht in Wirklichkeit auf den Folgen des globalisierten Finanzmarktes und der erwähnten Vermögensumverteilung nach Oben. Mit dem Eintritt der Milliardenvölker China und Indien in den globalen Finanzmarkt, kann in Zukunft in der Realwirtschaft des Westens keine Vollbeschäftigung mehr erreicht werden. Produktionen wurden ausgelagert und werden weiter in Billiglohnländer ausgelagert, während zum Beispiel die grössten Autokonzerne zunehmend in der Lage wären die Weltproduktion von Automobilen alleine zu übernehmen. Es geht alles nicht mehr auf. 

Die Politiker versuchen deshalb die sozialen Strukturen denen in Indien und China anzupassen, um Konkurrenzfähigkeit zu erhalten. Dieses Ansinnen ist zum Scheitern verurteilt. Einerseit wird hier Peak Oil Wachstumsbestrebungen scheitern lassen und zweitens ist der nach wie vor real existierende praktisch unregulierte Finanzmarkt nicht bereit auch nur die Spur sozialer Verantwortung zu tragen. Wie sollte sie auch, wenn internationalisierter  Wettbewerb als dominante Maxime verteidigt wird.

Kaspar Villiger verteidigte gerade noch vor Kurzem die hohen Bankerlöhne der UBS mit diesem globalen Wettbewerb, eine verheerende Abwärtsspirale in den Sozialdienstleistungen ist die Folge dieser Marktverzerrung. “Ich kann den globalen Arbeitsmarkt nun mal nicht ändern”, sagte er. Zynische Randbemerkung: Wer weiss, vielleicht hält sich die UBS in ihren globalisierten Arbeitmarkt-Kellern demnächst auch Kindersklaven,  unter gleicher Rechtfertigung. Der Bundesrat könnte Watherboarding als Foltermethode einführen, unter Hinweis er müsse die globalisierten Rechtsüblichkeiten nachvollziehen. Mit dem Hinweis auf Andere wird alles möglich.   

Wie konnte er aber auch anderes, wenn die Schweizer nach wie vor ‘die Gnomen von Zürich’ mit allen Mitteln verteidigen. Die Schweizer tun dies auch, weil sie genau wissen das nicht Gerechtigkeit im Wettbewerb, oder eine ‘Konstellation kunkurrierender Leistungen’ , sondern die im Untergrund arbeitenden staatlich geschützten Vermögensumverteilungs- Gnome ihnen den Wohlstand gebracht haben. Mit den Gnomen steht und fällt ein grosser Teil Schweizerischer Wertschöpfung. Der Schweizer Narr betrachtet übrigens die Gewinne aus der Vermögensumverteilung in die Hände der Reichen nicht als reale Wertschöpfung, sondern als nicht nachhaltiges Spekulationsgeschäft auf die Zukunft.

Die Realwirtschaft verspricht dem Schweizer Bundesrat gerne, Invalide beschäftigen zu wollen, klar ist aber dass sie dies bereits bisher erfolgreich verweigert hatte. Auch hier gilt, wie sollte die Realwirtschaft Invalide beschäftigen, wenn die Maxime des Wettbewerbs dies verhindern? Somit sind die Bestrebungen des Bundesrates um auf Kosten der Invaliden zu sparen eine bewusste Inkaufnahme einer sozialen Verwahrlosung um die Finanzlobby zu schonen.

Wie in Deutschland der Weimarer Republik unter Heinrich Brüning, kann dies nur durchgeführt werden, wenn bereits die Vorstufe sozialdarwinistischen Nationalismus als eine treibende Kraft vorhanden ist und sich eine gewisse korrupte Infantilität breit macht. Sichtbar ist dies in der Schweiz z.B. in den zunehmend xenophoben Wahlplakaten der SVP und deren Einfluss auf die Politik, die Heute bis in medizinische Praxis von Ärzten zu erkennen ist, auch wenn es darum geht Arbeitsunfähigkeitszeugnisse auszustellen und Kranke vor Inanspruchnahme der Invalidenversicherung ‘zu warnen’. Die korrupte Infantilität bewies sich kürzlich mit der ‘Minarettinitative’, welche sich zum xenophoben Selbstverständnis der SchweizerInnen hinzu addierte.

 

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