08 Feb 2010 @ 1:54 PM 
 

Der Kapitalismus ist klinisch tot

 
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Der Kapialismus ist klinisch tot, aber Untot

Der Kapitalismus ist klinisch tot, aber Untot

Im letzten Beitrag ‘Haben wir nur den Kapitalismus?’  wollte ich dazu aufrufen, nach Alternativen für den Kapitalismus als vorrangiges Gesellschaftssystem zu suchen. Im Artikel hatte ich zum Schluss darauf aufmerksam gemacht, dass in Zukunft Nachhaltigkeit als Kostenfaktor in den weltweiten Zahlungsverkehr und die Entlöhnung für Arbeit, miteinbezogen werden müsste. Weil dies kaum ohne eine internationale Regulierung ablaufen könnte, so müsste sich die neoliberale Ideologie eines selbst regulierenden ‘freien Marktes’ aufgegeben werden. Die Rettungspakete führten einige Ökonomen bereits dazu, zu erklären dass der Kapitalismus in ein temporäres Komma gefallen wäre.  

Mit staatlichen Rettungspaketen lässt sich der nach wie vor frei fluktuierende Spekulationsmarkt aber nur temporär beruhigen, solange bis das Vertrauen durch massive Überschuldung der Retter ebenso aufgebraucht ist.

Ich hatte erwähnt dass die Leistungsentlöhnung der Menschen und der Warenhandel sich an den drei Säulen ökologischer Nachhaltigkeit, ökonomischer Nachhaltigkeit und sozialer Nachhaltigkeit ausrichten sollte.

Die drei Hauptursachen der Finanzkrise waren

  • erstens die noch immer zunehmende Ungleichheit bei der Vermögensverteilung in den USA. Das Ausmass der Umverteilung hatte eine kritische Grösse nach unten durchbrochen, weil es für einen Teil der Bevölkerung nicht mehr möglich war und ist, die vollen Lebensgrundkosten zu bezahlen.  Ein immer grösserer Teil der Bevölkerung vermochte für die eigene Wohnung oder das Haus die Miete bzw. die Hypothek nicht mehr zu bezahlen.
  • zweitens wurde die Finanzkrise durch gebündelte komplexe Schuldenpapiere ausgelöst, welche infolge der zahlungsunfähigen US-Bevölkerung entwertet wurden. Internationale Finanzkonzerne hatten diese Papiere seit den 70er-Jahren vermehrt globalisiert zu handeln begonnen, was die US-Krise zu einer Weltwirtschaftskrise ausweiten liess.
  • drittens wurde die USA von einem hochindustrialisierten exportierenden Staat immer mehr zu einem Verbraucherstaat, welcher auf Kosten einer immer höheren Staats- und Privatverschuldung rücksichtlos und unnachhaltig konsumiert. Die Realwirtschaft wurde auf Kosten der Finanzwirtschaft abgebaut, es fand eine unausgewogene Deindustrialisierung statt.

Die Entwicklung in den USA kann man infolge der Globalisierung nicht mehr getrennt von der Entwicklung im Rest der Welt betrachten. Weltweit gesehen entstand eine Schere zwischen sozialer Globalisierung und wirtschaftlicher Globalisierung. Die Folgenschwere dieser Entwicklung wird bis Heute von der Politik falsch interpretiert und mit noch falscheren Gegenmassnahmen beantwortet.

In Wirklichkeit ist die Sachlage viel schlimmer als die statistischen Ämter dies beispielsweise über das Bruttosozialprodukt reflektieren können. Die Politik hat deshalb falsche Massnahmen eingeleitet, weil ihnen das steigende BIP vorgaukelte, als würde die globalisierte Entwicklung der Weltwirtschaft für den eigenen Staat weiterhin wie bisher von Nutzen sein.

Dieser Sozialreport  (PDF),  über die Entwicklung der sozialen Globalisierung 2009 von Social Watch Deutschland wird von der Politik weitgehend ausgeblendet. Die Politiker wollen immer noch nicht wahrhaben, dass wir weltweit betrachtet, zunehmend auf einen sozialen Schleudersitz geraten.

Die Finanzkrise hat nicht jeden Teil der Welt gleich belastet, weil wie oben bei den USA unter Punkt 1 erwähnt, es sich um einen gigantischen Umverteilungsprozess handelt, welcher von den schwächeren Volksgemeinschaften demzufolge auch schlechter getragen werden kann. Denoch findet auch in der Schweiz und in Deutschland ein Prozess statt, welcher den Lohnanteil der Bevölkerung am gesamten Bruttoertrag seit Jahren senkt.  Banken wie die Credit Suisse haben erkannt, dass die Geschäfte mit der Mittelschicht in Zukunft weiter erodieren müssen, weil dort nicht mehr viel zu holen ist. Daher beschloss man vor kurzem das Geschäft mit den Superreichen (ab 10 Millionen US$ Vermögen) auszuweiten, aber das Geschäftmodell des ‘BrokerDealer’ vermehrt fallen zu lassen.

Die Senkung der Löhne relativ zum nationalen Bruttoertrag ist eine Folge der seit Jahren andauernden neoliberalen Finanzpolitik. Es wurden Instrumente im Sozialbereich geschaffen welche die Nettolöhne relativ zum Bruttoertag absenken. Die Wirtschaft  wies mit Recht darauf hin, dass die Konkurenzfähigkeit gegenüber aufstrebenden Ländern wie China, nur über billligere Arbeitsplätze zu erhalten wäre. Kein Wunder, denn die Handelsabkommen werden nicht anhand der nachhaltigen Entwicklung für die eigenen Bevölkerung ausgearbeitet. Freihandelsabkommen zwischen Ländern mit völlig verschieden hohen Sozialausgaben, Auflagen im Umweltschutz und der Nachhaltigkeit, führen zu ungleichen Chancen der Bevölkerungen. Wenn darüber hinaus noch Freihandelszonen mit Nichtdemokratien ausgehandelt werden, so steht schliesslich die eigene Demokratie in Frage.

Dass der so durchgezogene globalisierte Kapitalismus aber langfristig zum Kollaps der gesamten Weltwirtschaft führt und die Globalisierung dem Durschnittsbürger immer weniger nutzt, darüber wurde kaum nachgedacht.

Der Kapitalismus ist klinisch tot, weil er unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit gar nicht mehr wachsen  kann, so dass die Menschheit insgesamt davon profitieren könnte.

Weil wir uns aber im Kapitalismus an insgesammt ungleiche Gewinnbeteiligung gewöhnt haben, so bemerken wir es nicht, wenn schliesslich nur noch 1% der Menschheit profitiert. Aus diesem Grund lebt er eine Weile als Untoter weiter, bis das System auch für die restlichen 1% kollabiert, vielleicht sogar darüber hinaus bis zum Ressourcenkollaps.

Unter dem Blickwinkel der Nachhaltigkeit führt der unregulierte ‘Freie Markt’ das aktuelle Weltwirtschaftssystem in eine Energiekrise, in eine Ressourcenkrise, in eine Sozialkrise und irgendwann zu irreveribler Umweltzerstörung im globalen Ausmass.

Jeder zukünftige Handel der unter den geltenen Regeln des Kapitalismus durchgeführt wird, geht auf Kosten der Nachhaltigkeit, so dass dies unsere Zukunft in immer grösserem Ausmass belastet.

Der Kapitalismus hat jene maximale Expansion überschritten, unter welcher die Menschheit sich kollektiv positiv weiter entwickeln könnte.

Zwar funktioniert der Zahlungsverkehr weiterhin, aber es ist nicht mehr möglich den Anstieg der Vermögensungleichheit zu verhindern und die Energieversorgung und die Ressourcenversorgung der Zukunft zu sichern.

Zwar kann das Bruttosozialprodukt einzelner Staaten weiterhin noch ansteigen, nicht mehr aber die soziale Globalisierung insgesamt. 

Da im BIP die Nachhaltigkeit kaum eine Rolle spielt, rechnen uns die statistischen Ämter nur noch Illusionen vor. Die positive Entwicklung stimmt nur noch für höchstens 10% der westlichen Bevölkerung und 1% der Menschheit, für sie arbeitet der Kapitalismus nach wie vor positiv im sozialen Bereich. Die Weltbank hat die Entwicklung der globalen Ungleichheit versucht historisch darzustellen (1820 - 2002), der Nichteinbezug der Nachhaltigkeit im BIP führt allerdings auch hier zu einem Zerrbild und leider ist die aktuellste Entwicklung ab 2002 nicht erfasst.

Für 99% der Menschheit ist der Kapitalismus aber zu einem sozialen Schleudersitz geworden, daher muss der Schweizer Narr mit Nachdruck darauf hinweisen, dass jede zusätzliche Liquidität die in diesen nach wie vor fast unregulierten Marktkapitalismus eingebracht wird, das unhaltbare Ungleichgewicht der Einkommen vermehrt und die nachhaltige Entwicklung weiter reduziert.

Die globalisierte neoliberale Politik zerstört schrittweise die Zukunft der Menschheit, weil sie der Nachhaltigkeit keinen Wert zubemessen will und für eine gerechte Sozialpolitik wenig Gehör hat. Die Rettungspakete und die höhere Liquidität haben vor allem bewirkt, dass die weltweit bereits vorhandene ungleiche Verteilung von Vermögen weiter zunimmt und auf Nachhaltigkeit noch weniger Rücksicht genommen wird.

 

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